Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen. J.W. von Goethe

Lily IV Steine und Flüsse

Einmal, in den frühen Jahren ihrer Reise, teile Lily ein Stück ihres Weges mit einem Mann. In Wirklichkeit reisten sie nebeneinander her, nicht miteinander, ihre Wege unterschieden sich voneinander so sehr, wie sie sich voneinander unterschieden. Aber damals wollte Lily das nicht erkennen. Sie war noch so jung, ihre Reise hatte gerade erst begonnen. Und doch war Lily schon so weit alleine gegangen. Hatte sich Kleider und Haut an dem Dornengestrüpp zerrissen, durch dass sie sich immer wieder kämpfen musste, war an manchen Tagen halb ertrunken am Ufer eines Flusses gestrandet und an anderen Tagen halb verdurstet durch Wüsten gewandert. Sie war den falschen Menschen auf die faschen Wege gefolgt und von ihnen an Orten zurückgelassen worden, an denen sie niemals sein wollte.
Dieses Mal sollte, musste es anders sein. Sie war schon zu oft verletzt worden, hatte sich zu oft verirrt. Lily spürte, dass sie es dieses Mal nicht mehr ertragen würde. Nach den vielen Jahren, die sie nun doch schon auf der Reise war, hatte sie gedacht, erwachsen und stark zu sein. Und doch hatte sie oft zu spüren bekommen, wie zerbrechlich sie sein konnte, hatte sich zu oft wie das kleine Mädchen gefühlt, dass sie einmal gewesen war. Dann war sie plötzlich ganz alleine und völlig hilflos gewesen. Hatte sich verlaufen in diesem Irrgarten voller Wege, die alle ins Nichts zu führen schienen. Am Ende hatte sie immer zurück auf ihren Weg gefunden und doch hatte es jedesmal tiefe Spuren in ihr hinterlassen. Dieses Mal würde sie den Weg vielleicht nicht wieder finden…wenn sie ihm wieder nicht vertrauen konnte, wenn er sie wieder an die faschen Orte führte. Die Wunden in Lily waren noch nicht völlig verheilt, würde er sie wieder verletzen, so wusste sie nicht, ob sie die Schmerzen noch ertragen könnte.
Und doch wusste Lily tief in ihrem Inneren wohl schon, dass es so kommen würde. Einige der tiefsten Wunden in ihr stammten von ihm… und doch wollte sie ihm so gerne glauben. Und tat es, nur weil sie es wollte. Weil ihre Sehnsucht nach Sicherheit, nach jemanden, der diesen Weg mit ihr ging so viel größer war als die Vernunft. Und sicher auch, weil sie ihn liebte und gar nicht anders konnte, als ihm zu glauben, immer wieder, selbst wenn er sich schon mehr als einmal zuvor verlassen hatte. Er verließ sie, wenn es für ihn bequemer war, einen anderen Weg zu nehmen und kam wieder, wahrscheinlich weil auch er die Einsamkeit der Reise manchmal Leid war und so etwas wie einen Zeitvertreib suchte. Wenn er sich, wie Lily, auch nach jemandem sehnte, der den ganzen Weg mit ihm teilte, dasselbe Ziel, dieselben Wünsche hatte, dann sah er diesen jemanden wohl nicht in Lily. Aber es war für Lily wie für ihn schwer, so jemanden zu finden. Und Lily war nun mal da, bereit, ihm immer wieder zu vertrauen, so lange, bis alles Vertrauen in ihr zerstört sein würde. Vielleicht zerstörte er dieses Vertrauen, Lilys letzte Hoffnung, nicht einmal mit Absicht. Vielleicht wollte auch er gerne an Dinge glauben, die es nicht gab. Aber er zerstörte es, langsam, Stück für Stück, zerstörte sie, Lily.
So gingen sie wieder ein Stück Weg gemeinsam. Wie schon zuvor begann Lily zu ahnen, dass er sie wieder verlassen würde. Sie wollte es nicht glauben, wollte, dass er bei ihr blieb und klammerte sich an jedes Wort, jede Geste von ihm, verbittert bemüht, die Hoffnung nicht aufzugeben.
Sie unterhielten sich über diese Reise, auf der sie beide waren, zusammen, für diesen Moment, jeder alleine auf den weitesten Strecken ihrer Wege. Lily erzählte ihm immer wieder von dem Ort, den sie suchte. Ihr Ziel, ihren Ort. Der Ort, den sie niemals wieder verlassen müssten, weil dort alles so war, wie es sein sollte. Der Ort, an dem sie einfach sie selbst sein konnten, ohne sich verstellen zu müssen, ohne zu kämpfen, ohne zu reisen. Friedlich leben, wie im Märchen, bis ans Ende ihrer Tage. Mit ihm wollte sie dort leben. Ohne weiter dafür kämpfen zu müssen, ohne es erklären zu müssen. Er gehörte an den Ort, an dem sie glücklich sein konnte. Er aber schien an diesen Ort gar nicht zu glauben. Er war schon so viel länger auf der Reise als sie. Wonach er wirklich suchte, sagte er nie. Nur dass dieser Weg, den sie gemeinsam gewählt hatten, so schwierig zu gehen wäre, weil er voller Steine lag.
Das waren die Worte, bei denen Lily spürte, er würde sie wohl bald wieder verlassen. Ihr Weg war voller Steine. Lily wäre über Berge gestiegen, wenn es nötig gewesen wäre, um diesen Weg mit ihm zu gehen. Und sie wollte, sie konnte die Hoffnung nicht aufgeben. Ein altes Sprichwort fiel ihr ein: „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Sie sagte es ihm, um ihm Mut zu machen. Sie konnten es doch zusammen schaffen. Natürlich mussten sie kämpfen. Wann kämpfte man denn nicht, auf dieser Reise, die so schwierig sein konnte? Die Wege waren niemals einfach. Das hieß doch nicht, dass sie falsch waren! Sie wollte so sehr, dass dieser, ihr gemeinsamer Weg, der richtige war! Wie konnte er das anzweifeln, es in Frage stellen? Wieso wählte er diesen Weg immer und immer wieder, wenn er ihn doch nur wieder verlassen wollte? Aber diese Fragen stellte sie ihm nicht, nur sich selber. Er sagte, er wolle ein Haus bauen aus diesen Steinen, in dem er dann in Ruhe leben könne, ohne weiter reisen zu müssen. Aber das müssten dann wohl schon viele Steine sein, meinte er. In diesem Moment, in dem er von einem Haus für sich sprach, von dem Wunsch seine Reise zu beenden, ohne dass er dabei überhaupt an sie zu denken schien, rollten weitere Steine auf Lilys Weg, doch er sah sie nicht. Und Lily machte ihn nicht darauf aufmerksam, sondern dachte nur im Stillen, von den Steinen, die sie sich selbst in den Weg legten, könne man auch ein Dorf errichten. Und dann dachte sie, dass es gar nicht so sehr die Steine waren, die ihr den Weg erschwerten, sondern die Flüsse, die ihren Weg immer wieder kreuzten. Flüsse, manche von ihnen so weit wie Ozeane. Ströme, die ihren Weg fluteten, ein weitergehen unmöglich machten.
Aus Flüssen konnte man nichts bauen. Sie waren einfach da, Hindernisse die gar nicht oder nur schwer zu überwinden waren. Man musste den Weg, den man gewählt hatte, verlassen, um sie umgehen zu können. Oder man musste sie durchschwimmen und lief Gefahr, zu ertrinken. Und wenn man nicht ertrank, dann wurde man nur allzu oft an Orten an Land gespült, an denen man nicht sein wollte. Die Strömung riss die Hoffnung fort, die Lily immer noch am Leben hielt, riss Lily fort von Orten, an denen sie sich wohl fühlte, fort von diesem Weg, der trotz aller Hindernisse der ihre war.
Nicht allzu weit entfernt hörte Lily Wasser rauschen… Zum ersten Mal dachte Lily darüber nach, wie es wäre, sich einfach vom Strom mitreißen zu lassen. Treiben lassen, ins Ungewisse, zum endgültigen Ende ihrer Reise. Nicht mehr zu kämpfen, nicht mehr zu reisen, nicht mehr zu suchen. Aufzugeben...
Wo war er? War er schon in sein Haus gezogen? Er und nur er hätte sie retten können, sie fortziehen von dem Wasser, dass nach ihr zu rufen schien. Doch sein Haus stand nicht an ihrem Fluss. Stand vielleicht überhaupt nicht. Woraus wollte er es bauen? Aus den Steinen, die ihnen beiden in den Weg gelegt worden waren. Es gab sie, diese Steine. Sie hätten für eine Stadt gereicht. Doch war es wirklich sein Weg? Waren diese Steine wirklich seine Hindernisse? Er schaffte es doch immer wieder, sie zu umgehen, statt sie zu überwinden, in dem er diesen Weg ganz einfach immer und immer wieder verließ, sie, Lily alleine ließ. Und Lily musste sich alleine über alle Hindernisse hinweg kämpfen. Musste alleine gegen den Strom schwimmen, alleine versuchen, das richtige Ufer zu finden, alleine versuchen, nicht zu ertrinken.
Nur mit Mühe konnte Lily diese Gedanken vertreiben. Er ging immer noch neben ihr. Doch wenn Lily ehrlich war zu sich, dann spürte sie, dass er im Grunde schon weg war, sich zurückgezogen hatte in sein Haus, das er aus unüberwindbaren Hindernissen gebaut hatte. Vor ihnen waren neue Hindernisse am Horizont sichtbar geworden, Hindernisse, über die er nicht hinwegsehen konnte. Da war es einfacher, umzudrehen oder einen anderen Weg zu wählen. Lily verstand ihn beinahe. Verstand seine Angst vor der Zukunft, vor allen Schwierigkeiten. Sie stritt nicht ab, dass es sie gab. Es gab sie. Wer konnte schon wissen, wohin der Weg sie führte? Auch sie hatte Angst davor. Und doch wäre sie jeden Weg mit ihm gegangen, um mit ihm zusammen zu sein, um irgendwann vielleicht alle Flüsse und alle Trümmer hinter sich zu lassen. Es gab diese Möglichkeit, es musste sie geben. Jeder Weg hatte ein Ziel. Irgendwann würden sie es erreichen, wenn sie nur wollten.
Aber wenn er irgendwann einmal einen Weg wie diesen zu ende gehen würde, dann nicht mit ihr. Das sah Lily nun ein. Längst stand sie alleine am Ufer ihres Flusses. Alles Vertrauen in ihn, in sich selbst, in die Welt, sank auf den Grund. Die Hoffnung auf jemanden, der mit ihr ging, egal wohin, an diesen Ort, an den sie sich so sehnte, der mit ihr daran glaubte, wurde von der Strömung mitgerissen. Endgültig, für lange Zeit. Mit den Steinen, die ihr auf ihren Weg gelegt wurden, in diesem Moment, errichtete Lily eine Mauer, mitten auf den Weg, eine Mauer, die sie von allen anderen trennte. Die Sehnsucht nach einem Menschen, der ihren Weg teilte, der sie begleitete, mit ihr Flüsse durchquerte und über Trümmerhaufen stieg, konnte kein Strom der Welt forttragen. Doch die Angst davor, noch einmal verletzt zu werden, ebenso wenig. So war diese Mauer die sicherste Möglichkeit für Lily, selbst wenn sie am Ende ein weiteres Hindernis darstellte.
Wenn sie ihrem Weg weiterfolgte, dann alleine. Sicher würde sie weiter Menschen treffen. Freunde, Bekannte, Fremde. Manche würden ein Stück mit Lily gehen und doch nicht ihren Weg haben. So, wie es im Grunde immer gewesen war. Und da war immer noch der Fluss mit der verlockenden Möglichkeit, in den Wellen zu versinken.
Hoffnung kann eine hartnäckige Sache sein. Lilys Hoffnung war zu oft zerstört worden und doch las sie jetzt in den blaugrauen Wellen den alten Spruch, den sie selbst vorkurzem ausgesprochen hatte: „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Aus Steinen konnte man auch Brücken bauen.